200 Ärzte, Psychologen und Lehrer kamen am 16. Dezember 2009 zur Fachtagung „Medienabhängigkeit und Computersucht“, die anlässlich des 30-jährigen Bestehens der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie im Kinderhospital stattfand. Während sich die Teilnehmer bei den Vorträgen zu Computerspielsucht und sexueller Freizügigkeit im Internet sorgten, staunten sie bei der Vorstellung des Massen-Online-Spiels World of Warcraft (WoW) und amüsierten sich beim satirischen Rückblick auf die Mediengeschichte der Klinik.

„Ich bin heute hier, um ihnen von den unschönen Dingen des Internets zu berichten“, sagte Katrin Schmidt zu Beginn ihres Vortrages „Jugendmedienschutz im Web 2.0 am Beispiel sexueller Selbstinzenierung und Computer Pornographie“. Die Referentin der Niedersächsischen Landesmedienanstalt zeigte Bilder von halbnackt posierenden Teenagern aus den Sozialen Netzwerken „studivz“ und „schülervz“: „Die Mädchen wollen freizügig ihren Marktwert testen, geben dabei ihre persönlichen Daten für jeden sichtbar an.“. Dabei hätten sie eine Art „blindes Vertrauen“, denn oft suchten Pädo-Sexuelle gezielt nach solchen Profilen. Ein großes Problem sehe sie auch im „Cyber Bullying“. „Schüler filmen ihre Klassenkameradinnen beim Urinieren und stellen alles ins Netz, auch Lehrer werden Opfer dieser Schikane“, so Schmidt. Man müsse „wirklich auf seine Kinder aufpassen“, selbst Drittklässler würden sich schon Pornos und Gewaltvideos aus dem Netz laden. Mit wenigen Klicks gelange man über Soziale Netzwerke, in denen aktuell über 70 Prozent aller Jugendlichen angemeldet seien, zu Seiten mit gewalttätigem und pornographischem Material. „Es gibt alles, Satanisten-, Hunger- und Suizid-Foren.“

Ob und wieweit der deutlich gestiegene Medienkonsum bei Kindern und  Jugendlichen zu psychischen Störungen führe oder diese verstärke, untersucht Oliver Bilke, Kinder- und Jugendpsychiater aus Berlin: „Wir wissen es nicht genau, was wir brauchen sind Langzeitstudien, aber wir kommen dem Technologie-Sprung kaum nach.“  Auch Hans-Christian Sanders vom Vorstand des Kinderhospital Vereins und Chefarzt der Klinik, Gerd Patjens, wissen vom Problem Medienabhängigkeit: „Wir müssen das unbedingt bei der Behandlung berücksichtigen.“ Wie schnell man von einem Computerspiel süchtig werden kann, wollte Urban Teepe bei der Live-Präsentation des Massen-Online-Spiels WoW (1,8 Millionen deutsche User) zeigen. „ Ich habe das getestet und bin jetzt selbst fasziniert“, sagte der Erzieher. WoW biete eine fast reale Welt, in die man abtauchen und „echte Probleme“ vergessen könne. Die Zuschauer zeigten sich fast entzückt, als Teepe seinen virtuellen Charakter auf einem Greifvogel über die schier unendlichen Weiten des fiktiven Kontinents gleiten ließ. Für viele Lacher sorgte Rainer Petersen, der auf seine langjährige Arbeitszeit als Pädagoge in der jetzt 30 Jahre bestehenden Psychiatrie zurückblickte und dabei von Freud und Leid mit seinem Computer „Albert“ erzählte.

Jährlich werden 3000 Patienten ambulant und stationär in der Osnabrücker Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt. Die Störungen reichen von Depressionen, ADHS und Essstörungen bis hin zu Schizophrenie.

Quelle: Christian Hardinghaus für die Neue Osnabrücker Zeitung

Bild v.l.: Hans-Christian Sanders (Vorsitzender, Kinderhospital-Vereins zu Osnabrück), Katrin Schmidt (Landesmedienanstalt Niedersachen), Dr. Oliver Bilke (Vivantes Netzwerk für Gesundheit, Berlin), Dr. Gerd Patjens (Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Kinderhospital Osnabrück)

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